Tafel Titisee-Neustadt feiert zehnjähriges Jubiläum

Tafelmitarbeiter tafeln gemeinsam
Tafel Titisee-Neustadt feiert zehnjähriges Jubiläum / 66 Mitarbeiter treffen sich im Gasthaus Ahorn

NEUSTADT. Diejenigen, die mehrmals im Monat oder sogar mehrmals in der Woche ehrenamtliche Arbeit für die Bedürftigen unserer Region leisten, werden nun selbst einmal bedient. Jedes Jahr lädt der Träger der Neustädter Tafel, die Caritas Breisgau Hochschwarzwald, die Tafelmitarbeiter zum Helferfest. Dieses Jahr fällt das Fest etwas größer aus. Die Tafel feiert ihr zehnjähriges Jubiläum. Der Tag beginnt mit einer Exkursion nach Staufen. Nach der Besichtigung von Obstplantagen und einer Führung durch die Stadt findet der Ausklang im Gasthaus Ahorn in Schwärzenbach statt.

Wie alles begann
Über 66 aktive und ehemaligen ehrenamtliche Mitarbeiter der Tafel sind zu diesem Jubiläum erschienen. „Fast alle, die mehr als drei Jahre bei uns gearbeitet haben, sind heute Abend hier“, so Tafel-Organisatorin Bernadette Schlosser. Dass sie heute hier sein und das zehnjährige Bestehen der Neustädter Tafel feiern können, ist nicht selbstverständlich. „Am Anfang war nicht die Tafel, am Anfang war lange Zeit die Idee“, beginnt der Leiter der Tafel, Christoph Schlosser, seinen Vortrag. Er selbst hatte damals noch nichts mit dieser Idee zu tun. Es war Günter Kranzfelder, der im Jahr 2004 den Versuch machen wollte, Lebensmittel nicht mehr wegzuwerfen, sondern sie an finanziell schlechter gestellte Menschen zu verteilen. Er fand heraus, dass es damals über 600 Bedürftige im Hochschwarzwald gab und dass diese sogar von Löffingen bis zur nächsten Tafel nach Freiburg fahren mussten, um für sie bezahlbare Lebensmittel zu erhalten. Die Gründung eines Vereines als Träger einer Tafel scheiterte mehrfach, auch Organisationen wie beispielsweise Arbeiterwohlfahrt und Diakonie wollten oder konnten nicht als Träger hierfür fungieren. „Doch ich bin keiner, der so schnell aufgibt“, bekennt Kranzfelder. „Jetzt wollte ich erst recht Nägel mit Köpfen machen.“ Mit Christoph Schlosser als Leiter des Caritasverbands für den Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald fand er im Jahr 2007 schließlich jemanden, der ihm half, diese Nägel mit Köpfen herzustellen und in die Wand zu schlagen. Die Caritas fungierte fortan als Träger, Kranzfelder zog sich aus dem organisatorischen Bereich mehr und mehr zurück. Fortan wurden Räumlichkeiten gesucht und gefunden. Unter tatkräftiger Mithilfe vieler Ehrenamtlicher, Handwerker und des Rotary Clubs wurde die neue Geschäftsstelle komplett renoviert und mit alten Regalen und Kühltruhen eines alten Lidl-Marktes aus Schwenningen ausgestattet. Am 07. Oktober 2008 eröffnete der Tafelladen in Titisee-Neustadt.

Die Ehrenamtlichen / die Struktur
Heute sind in der Tafel 17 Fahrer, 20 Sortierer und 15 Verkäufer tätig. Jeden Dienstag und Freitag holen die Fahrer die Lebensmittel abwechselnd von den Supermärkten, Bäckereien und Metzgereien ab und bringen sie zur Tafel. Die Ware wird von den Sortierern und Vorbereitern in Empfang genommen, qualitativ überprüft und einsortiert. Um 14.00 Uhr beginnen dann die Verkäufer ihre zweistündige Schicht.

Geschichten, die das Leben schreibt.
„Was macht die Tafel über die eigentliche Tafelarbeit hinaus aus?“ Diese Frage stellt Bernadette Schlosser in die Runde. Die Rückmeldungen sind zahlreich. „Ich habe viele Kontakte mit Menschen, die ich sonst nie Treffen würde. Dabei meine ich insbesondere unsere Kunden“, meint eine Frau. Ein Fahrer fügt an: „Bei unseren Fahrten zwischen Bärental und Neustadt gibt es interessante Gespräche. Und wenn wir dann im Laden ankommen, werden wir schon von den Damen der Vorbereitung zum Frühstück eingeladen.“ „Ja, das stimmt“, meint eine Vorbereiterin, „wir warten extra auf euch mit dem Frühstück“. Bernadette Schlosser erinnert sich gerne an einen Mann, der sozial nicht sehr integriert war und der in der Tafel mitarbeiten wollte. „Er sagte gleich zu Beginn, dass er zwei linke Hände habe“, so Schlosser. „Wir haben ihn dann erst mal nicht so oft eingeteilt, weil mit zwei linken Händen kann man nicht so gut bei uns arbeiten“, schmunzelt Schlosser. „Er strengte sich sehr an, half immer tatkräftiger mit und war bald sehr gut integriert. Als er dann an Lungenkrebs erkrankte, waren es fast ausschließlich Tafelmitarbeiter, die ihn im Krankenhaus und zu Hause besuchten, ihm beim Haushalt in Hinterzarten halfen. Als er schließlich verstarb, waren neben ein paar Angehörigen ganz viele ehemalige Kollegen von der Tafel auf seiner Beerdigung. Es ist schön zu sehen, wie groß der Zusammenhalt zwischen den Tafelmitarbeitern ist“, so Bernadette Schlosser.
Eine andere Begegnung ist ihr auch noch sehr gut in Erinnerung. „Wir hatten eine Praktikantin, die unter den Kunden ganz unerwartet ihre Oma erkannte“, erzählt Schlosser. „Oh, meine Oma kommt hierher zum Einkaufen“, war die Praktikantin ganz überrascht. In ihrer Familie wusste bisher keiner davon, dass die alte Dame bedürftig ist. „Es war ihr einfach peinlich, der Familie ihre Not einzugestehen“, erinnert sich Schlosser. „Nach einem Gespräch zwischen Oma und Enkelin hat sich die Großmutter dann von sich aus ihrer Familie anvertraut. Seitdem kann sie ganz unbefangen damit umgehen.“ Eine Ehrenamtliche, die als Verkäuferin arbeitet, betont, dass es natürlich auch Kunden gibt, die alles für selbstverständlich erachten und immer mehr wollen. „Aber“, fügt sie an, „die meisten sind sehr dankbar. Eine Frau gibt uns immer zehn Cent Trinkgeld, obwohl sie sich davon noch zwei Bananen oder einen Apfel kaufen könnte. Eine andere Kundin kauft jedes Mal Berliner, die sie dann den Fahrern schenkt“.

Doch nicht nur die Neustädter Tafel feiert dieses Jahr ihr Jubiläum. Die deutsche Tafelbewegung an sich wird dieses Jahr auch 25 Jahre alt. Jedes Jahr verteilen die deutschen Tafeln 264.000 Tonnen an Lebensmitteln, die in den meisten Fällen auf dem Müll gelandet wären. Es ist der Versuch, Lebensmittelverschwendung und Armut zu vermeiden. Auch im Hochschwarzwald. Denn dass es auch bei uns bedürftige Menschen gibt, wird jedem klar, der einmal die Neustädter Tafel besucht.